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Handgranaten in Luanda
Roger Schmidt 

Angola Ausreise
Ausreise aus Angola
Es war September 1988 und schön warm im Hafen von Luanda, Angola in Westafrika. Wir hatten mit dem Transporter ROS 320 "Evershagen" in Point-Noire eine schöne Hafenzeit verbracht und Kalmar aus dem Süd-West-Atlantik für gute Devisen verkauft. Anschließend übernahmen wir noch mäßige Fänge Schildmakrele von unserer Flotte vor Namibia. In der Heimat wollte den "Holzbock" keiner kaufen. Kein Wunder - hatte ja auch nichts mit der Makrele zu tun. Irgendwo in der hungrigen Welt haben wir die holzige Makrele aber doch versilbert, um in England die echte Makrele zu kaufen. Viel war den letzten Monat nicht drin gewesen, und endlich stand der Besatzungsaustausch via Luanda an.

Im Gegensatz zum kapitalistischen Kongo bekamen wir in unserem Bruderland Angola keinen Landgang. Das mit gutem Grund. Die Lage war bei weitem nicht so, wie man es uns in der Heimat weismachen wollte. Es war Krieg. In dem völlig verarmten, hungernden Land versorgten die Große Sowjetunion und besonders Kuba die MPLA (Marxistisch-Leninistische Einheitspartei) mit Waffen. Die UNITA und noch paar andere Gruppen wurden von Südafrika und dem Westen unterstützt. Mir kam es allerdings so vor, als ob niemand so recht wußte, gegen wen oder was gekämpft wurde. Jedenfalls war in diesem Land ein ziemliches Wuhling - und wir mitten drin.

Ich hatte gerade meine Wache und machte meine Runde im Maschinenraum. Es war einigermaßen ruhig unter meinen Hörschützern, da wir fest waren. Es liefen ein paar Pumpen, der Kessel und zwei Jockel (Hilfsdiesel). Ziemlich viel für den Hafen, aber einen Landanschluß für Strom kannte man nicht. Wahrscheinlich gab es den sowieso nicht. Mit meinen Gedanken war ich schon in Rostock. Ob ich die hübsche Brünette wieder treffe. 100 Tage können bannig lang werden...

Meine Gedanken endeten abrupt, als es plötzlich einen lauten Knall gab. Ein riesiger Schreck fuhr mir in die Glieder, und ich duckte mich auf die Flurplatten. Scheiße - als wenn jemand mit einem Riesenlöffel gegen die Außenhaut geklopft hat. Ich blickte mich um. Nichts. Die Jockel blubberten vor sich hin, die Pumpen gaben ihren typischen hohen Dauerton ab. Vorsichtig schlich ich mich zum Niedergang - eigentlich blöde bei dem Krach. Aber mir war ganz schön mulmig und hier war so ziemlich das unterste Ende vom Dampfer. Auf der zweiten Stufe dann der nächste Kochlöffel. Eine Sekunde später war ich im Maschinenkontrollraum (MKR) - ein schallgedämpfter Raum zur Überwachung des Maschinenbetriebs. Ich muß ziemlich komisch ausgesehen haben, denn der Chief konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während er an seinem Kaffee schlürfte. "Kubaner!" "Wie jetzt - ich denk' wir sind Freunde?" So langsam dämmerte es bei mir. Gestern legte neben uns ein kubanischer Frachter an. Daß die hier keinen Havana Club verhökern, ist schon klar. "Aber wozu das Geballer?" "Kampftaucher Mensch! Haftminen! - Die wollen die Amis verscheuchen."

Während der gesamten restlichen Wache knallte es in regelmäßigen Abständen. Eigentlich sehr beruhigend - bei dem Dreckwasser kleben die sonst noch ihre Mine an unseren Fischdampfer. In der Freiwache mußte ich mir die Sache aber dann doch anschauen. Auf dem anderen Dampfer saß ein Kubaner in typischer Tarnmontur. Er rauchte eine Zigarre - vor ihm eine Holzkiste. Nach einer Weile beugte er sich vor und holte eine Eierhandgranate aus der Kiste. Dann zog er den Splint und warf sie ohne Kraft über die Bordwand. Hier oben hörte ich fast gar nichts von dem Knall. Kein Wunder - verstärkt doch das Wasser die Schallwellen ganz erheblich. An die vielen Fische, die dabei draufgehen, darf man gar nicht denken.

Zwei Tage mußten wir noch aushalten, dann ging es endlich nach Hause. Die Busfahrt war schrecklich. Irre heiß und überall nur Elend. Halbfertige Bauten der einstigen portugiesischen Kolonialmacht. Unsere "W50" LKW standen defekt und verlassen am Straßenrand. Dazwischen immer wieder ein paar Hütten. Am Flughafen dann die Schikanen, vor denen ich schon von den Alten gewarnt wurde. Seife und sonstige "Geschenke" lagen ganz oben auf dem Seesack, um ein komplettes Durchwühlen meiner Sachen zu vermeiden. Mein Seesack wurde trotzdem kräftig durcheinandergebracht, und die Wunderhölzer (Yukkapalme) verursachten nicht wenig Gelächter bei den Schwarzen. Na immer noch besser als ein ausgekippter Seesack oder sogar eine Kalaschnikow auf der Brust, wie es einem Kollegen erging. Völlig unklar, daß der Besatzungsaustausch noch über Luanda lief. Der Flug mit der IL62 war super, wir wurden mit allen Köstlichkeiten der Interflug versorgt, und der Pilot machte sogar noch einen Schwenker über Gibralta.

In Schönefeld nieselte es. Es war herrlich kalt. Noch drei Stunden und ich war in Rostock.

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Original-URL von Hart-Steuerbord