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Reise, Reise...
Peter E-Mail an Hart-Steuerbord zur Kontaktaufnahme

Eine deutsch, deutsche Geschichte, geschrieben von Peter H.

Wie viele andere Seefahrer - etwa auch mein Schriftstellerkollege Joachim Ringelnatz, den ich noch heute sehr mag - wurde ich nicht an der Küste geboren, sondern wie er in Thüringen. Meine Kindheit verlief eigentlich so, wie sie in dieser Zeit, nach dem zweiten Weltkrieg, relativ "normal" war - aber nicht einfach für unsere Mutter mit drei Kindern. Denn Vater Franz war noch in russischer Gefangenschaft, und kam wie andere Soldaten Hitlers erst im Jahre 1947 wieder nach Hause. Die schrecklichen Jahre an der Ostfront und in Sibirien hatten ihn aber sehr verändert, für in Friedensjahren normale Pflichten erst mal untauglich gemacht - unter solcher Entfremdung litten damals viele vor und während des Krieges entstandene Ehen, vor allem deren Kinder. Und auch unsere Mutter war in den Jahren des Bombenwerfens, der Tiefflieger und des Hungers anders geworden - so ging es den meisten dieser "Trümmerfrauen"-Generation, die in jenen Jahren eine harte Überlebensschule durchmachen mussten. Sie wollte vor allem kein weiteres Kind - aber ein solches war mein Vater, mit all seinen inneren und äußeren Verwundungen. Die von niemandem, der dieses Leid nicht erleben musste, nachvollziehbar sind. Außerdem gab es mehr Frauen als Männer: weil Millionen von ihnen den mehr oder weniger "heldenhaften" Tod fürs Vaterland starben. Die wenigen, die es überhaupt in den "zivilen" Frieden geschafft hatten, waren zutiefst verunsichert, stürzten sich in Arbeit und hofften, die grausame Zeit an der Front darüber zu vergessen. Sie konnten sich in dieser Nachkriegszeit unter den vielen Witwen leicht eine zu ihnen passende auswählen, und mein Vater fand schnell eine sehr "mütterliche" Frau, mit der er Ende der vierziger Jahre ins Schwabenland auswanderte und dort als Anstreicher zu bescheidenem Wirtschaftswunder-Wohlstand kam. Unsere Mutter blieb mit meiner Schwester Bärbel, meinem Bruder Günther und mir in Thüringen und begann - sie war damals wie viele der Meinung, dass es in einer kommunistischen Weltordnung keine Kriege mehr geben würde - eine Karriere in der dort entstehenden "sozialistischen" DDR, studierte Verwaltungswissenschaften und wurde schließlich Bürgermeister. Uns Kinder schickte sie in ein Kinderheim im Thüringer Wald - was von uns jedoch nicht als lieblos empfunden wurde, schon weil wir ja in unserer Unschuld keinerlei Vorstellung hatten, was denn "normal" oder gar besser gewesen wäre. Es gab in dieser Zeit viele Waisen, die weniger Liebe und Fürsorge bekamen.

Ich erinnere mich jedoch noch sehr gut an den Moment, als ich das erste Mal die Ostsee sah: Wir - ich war zwölf Jahre alt - hatten Schulferien in einem Pionierlager an der Küste, und die See empfing uns mit dem salzigen Geruch von Tang und Fisch. Staunend und überwältigt von der scheinbar unendlichen Ferne, die hinter dem Horizont zu ahnen war, hatten diese Minuten in mir den Wunsch geweckt, die Welt kennen zu lernen, frei reisen zu dürfen - eine fortan unterbewusste, doch stets präsente Sehnsucht, die meinem Leben damals Richtung gab. Ich las danach sehr gerne die Geschichten über Abenteuer auf See und in Ländern mit ganz anderen Kulturen ...

Nach der Grundschulzeit schickte man mich - allerdings ohne mich vorher zu fragen - auf ein Gymnasium. Das ich aber, alleine gelassen mit meiner Pubertät, vor dem Abitur verlassen musste - wegen "notorischer Faulheit", wie mir die verhassten Latein- und Russischlehrer in die Zukunft mitgaben. Dann erlernte ich einen Beruf im grafischen Gewerbe. Als ich zur Volksarmee eingezogen werden sollte, verweigerte ich den Dienst an der Waffe und bekam als Alternative - nur weil meine Mutter inzwischen, in der Zeit des Stalinismus, eine etablierte Funktionärin war - die Möglichkeit, zur prosperierenden ostdeutschen Hochseefischerei zu gehen. Was damals, wie man wusste, als gleichwertig mit dem Dienst in der NVA anerkannt wurde, also zu keinen Nachteilen bei der folgenden Berufskarriere geführt hätte, im Gegenteil: weil ostdeutsche Logger ja auch in Häfen so genannter "nichtsozialistischer" Länder einliefen, vor allem im Sommer, wenn mit Grundschleppnetzen gefischt wurde und man viel länger auf See war, den an Bord geholten Fisch vor dem Vergammeln lieber im englischen Grimsby verkaufte - obwohl der dort dann nur zu Fischmehl verarbeitet wurde. Aber auch um die Frischwasservorräte zu ergänzen, war es den Kapitänen erlaubt, solche Häfen anzulaufen. In den Monaten, in denen ich als Decksmann auf einem Logger fuhr, geschah das jedoch nur einmal - und es war einigermaßen aufregend für mich, die erste Erfahrung mit einem Land außerhalb der damaligen DDR, und das belegte ja, dass ich sozusagen ein "loyaler Staatsbürger" gewesen war, nicht "rübermachen" wollte. Ich weiß noch wie ich, auf Heimaturlaub in Thüringen, danach mit dem in Grimsby gegen DDR-Briefmarken eingetauschten Gürtel mit englischer Schnalle schwadronierte - ein in der Pubertät wohl recht normales Verhalten, als man noch die anderen, die nicht so "weit gereisten" Altersgenossen zu beeindrucken versuchte. Darüber hinaus durften wir Fischer ja noch bestimmte "Westwaren" im Rostocker Intershop kaufen, etwa Zigaretten, Bohnenkaffee oder sogar mal eine Flasche Whisky. Was ich natürlich auf der Zugfahrt ins thüringische Gotha ganz offen in einem Netz trug, schon um bei einer der attraktiven jungen Sportlerinnen, die zufällig im selben Zug fuhren, Eindruck zu schinden ...

Die schwere Arbeit auf See wurde von mir ganz selbstverständlich angenommen, und ganz sicher stellte ich mich nicht ungeschickt an, musste zum Beispiel - egal bei welchem Seegang - die mit Salz in Fässer geschichteten Heringe zur Ladeluke rollen. Wobei man natürlich die Bewegungen des Schiffes in unruhiger See nutzen konnte. Auf meinem ersten Törn allerdings machte ich mich bei den anderen Fischern wohl nicht so sehr beliebt; ich wusste nicht, dass ich ein so genanntes "Einstands-Kontingent" an Bier hatte, für den Durst meiner Kollegen bestimmt - die mir das erst sagen mussten. Und ebenso der Bestmann war auf dieser Reise nicht so gut auf mich zu sprechen: weil ich ihm beim Aussortieren des Gammelfisches mal einen Heringshai ins Gesicht warf - weshalb eine wegen des Salzwassers nur langsam heilende Schürfwunde entstand, die ihn immer wieder an meine "respektlose Untat" erinnerte. Auch dass ich mich auf dem Rückweg von diesem Törn vor der Ankunft in Marienehe rasierte, kam nicht so gut an, ebenso wenig wie mein - zum Glück rechtzeitig bemerkter - Versuch, einen alten, am Mast befestigten Hering abzuschneiden und über Bord zu werfen. Aber das alles belegte nur, dass ich eben jemand war, der nicht von der Küste kam. Und ab meiner zweiten Reise auf einem anderen Logger wusste ich dann, was von echten Fischern toleriert wird, machte keine Anfängerfehler mehr - weshalb ich als vollwertiger Decksmann anerkannt wurde. Nicht aber von jenem Kapitän, der mein letzter bei der Hochseefischerei war - doch dazu später mehr ...

Nach der Sommerfischerei mit Grundschleppnetzen, manchmal länger als vier Wochen auf See, auch auf der Doggerbank vor Schottland, begann die harte Winterfischerei mit den Schwebenetzen des pelagischen Fischfangs, meistens an der Ostkante der Nordsee, vor der Küste Norwegens. Diese Zeit war für alle Fischer nicht leicht - weil Schneestürme von Land und schweres Wetter die Arbeit noch mühsamer machten. Oft wurden dann die sich im relativ warmen Golfstrom mit seinem nahrhaften Plankton in großen Schwärmen konzentrierenden Heringe mit zwei Loggern gefischt - was sehr anspruchsvolle und gefährliche Manöver erforderte, bei denen es manchmal zu Unfällen kam.

Meine letzte Reise - was ich allerdings vorher noch nicht wusste - auf einem ostdeutschen Fischlogger begann am 12. Februar des Jahres 1965. Sie verlief von Anfang an sehr anders als die vorherigen: Unser Stammkapitän hatte Urlaub; seine Vertretung war ein bei allen Fischern sehr unbeliebter Schiffsführer, alkoholsüchtig und oft seekrank - der darum nie einen eigenen Logger bekam. Und der behandelte mich so - obwohl inzwischen erfahrener als der Fischerlehrling -, wie auf See eben mit einem ungelernten Decksmann umgegangen wird. Wozu gehörte, dass ich sein Erbrochenes beseitigen musste - was meine Loyalität zu ihm keinesfalls vergrößerte, was aber erst später relevant wurde. Vor dem Kattegat, noch in der Sund-Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, mussten wir wegen Nebels unter Land gehen - von wo man schon die farbigen Lichter der Küstenstädte sah. Was die Laune von Mannschaft und Schiffsführung auch nicht gerade verbesserte. Als wir dann endlich weiterfahren konnten, wurde gemeldet, dass in der Nordsee orkanartige Stürme zu erwarten wären - weshalb wir wieder warten mussten, und zwar in der Nähe von Skagen im Norden Dänemarks. Und weil dort der Bestmann Zahnschmerzen bekam, fuhren wir am Abend - es war schon dunkel - des 13. Februars in den Fischereihafen von Skagen, wo er am nächsten Tag zu einem Arzt gehen wollte.

Ich weiß noch ziemlich genau, was dann geschah: Ich lag auf meiner Koje und übte Shantys auf meinem Banjo; meine drei Mitbewohner in der Kammer des Vorschiffes spielten Skat. Und dann sagte ich ganz spontan - in dem Moment ohne den Gedanken, etwa "achteraus segeln" zu wollen -, dass ich mir mal die Fischerei-Ausrüstung der Dänen ansehen wolle. Ich ging also von Bord, kletterte über die längsseits liegenden dänischen Kutter an Land, stand dann auf einer langen Pier, an deren Ende ich die bunten Schilder einer Kneipe sah. Weshalb ich weiterging in diese Richtung, woher man auch Musik hörte. Bis dann plötzlich ein Auto neben mir anhielt, sich die Beifahrertür öffnete und der Fahrer mich fragte: "Du bist doch von dem ostdeutschen Fischlogger, wohin möchtest du denn, mien Jong?" Und ich antwortete: "Will zu meinem Vater nach Stuttgart." - und das alles, ohne je vorher daran gedacht zu haben. Der dänische Kapitän, wie ich später erfuhr, brachte mich also zur Polizeistation von Skagen, wo ich erst mal eine unruhige Nacht auf einer harten Pritsche verbrachte. Am frühen nächsten Morgen - ich war gerade etwas eingenickt - hörte ich die Stimme des Steuermanns, auf dessen Wache ich Rudergänger war. Und der fragte: "Kann man den Mann mal sprechen?" Worauf der wachhabende Polizist antwortete: "Wenn der Mann das will" - und zu mir in die offene Zelle kam. Und ich sagte nur: "Nein!" - weshalb der Steuermann wieder ging, nicht jedoch ohne vorher meine Personalien bestätigt zu haben; mein Pass war ja unter Verschluss beim Kapitän. Das war alles, was dann von den Gesetzen der DDR als "Verrat an der sozialistischen Sache" gewertet wurde - nicht aber von vielen anderen Fischern. Die sich fast alle schon mal mit dem Gedanken befasst hatten, ebenfalls "rüberzumachen" - und sich nur aus ganz persönlichen Gründen, meistens wegen der Familie, anders entschieden und Bürger der DDR blieben ...

Die Formalien der Einbürgerung in die BRD wurden problemlos erledigt, obwohl ich als Kind einer SED-Funktionärin von den verschiedensten Geheimdiensten befragt wurde - denen ich jedoch nichts Neues erzählen konnte, denn mein Wechsel in den Westen war ja ganz spontan geschehen. Man befragte mich z.B. über eventuelle Namensänderungen von Straßen in meiner Heimatstadt Gotha, ebenso über Privat-Adressen von höheren Partei-Funktionären. Und über Radaranlagen an der Ostseeküste und ähnlichem - worüber ich nichts wusste, weshalb das spezifische Interesse der englischen, amerikanischen oder der deutschen "Feindaufklärer" schnell nachließ. Und weil ich ja zu meinem Vater ins Schwabenländle wollte - obwohl der davon noch nichts wusste, gab es doch zwischen ihm und mir keinerlei Briefwechsel -, ging dann alles sehr schnell. Auch dass ich ja den damals sehr gefragten Beruf des Offsetdruckers gelernt hatte, passte sehr gut in diese Jahre, als man im Westen viele gute Fachkräfte suchte.

Es war die Zeit des Vietnam-Kriegs und der Abnabelung der Nachkriegsgeneration von ihren Vätern - obwohl es da für mich nicht mehr viel abzunabeln gab. Doch ich lebte sehr intensiv, vieles geschah zum ersten Mal und ich nutzte die mir neuen Freiheiten. Meine ersten Reisen führten mich nach Frankreich, Spanien und Italien - dort arbeitete ich als Yachtmatrose für einen reichen Griechen auf einem großen Segelschoner. Später reiste ich in Länder wie Marokko, Afghanistan, Indien oder Mexiko, ebenso in den Norden Skandinaviens, wo ich mit einem Lehrer und dessen Bruder einige schöne Monate auf einer Insel im Inarisee Urlaub machte. Die andalusisch, maurische und die südfranzösische Lebensart und Mentalität waren mir von Anfang an sympathisch, und ließen in mir den Wunsch wachsen, irgendwann dort zu leben - was ich später auch verwirklichen konnte.

Die Konsequenzen meiner "Flucht" aus der DDR für meine Familie und die befreundeten Bekannten? Meine Mutter wurde nach einem Jahr Schonfrist Bürgermeisterin in einer kleineren Stadt im Thüringer Wald, wo sie dann ihre Karriere beendete. Mein Bruder, im Februar 1965 noch Hundestaffelführer an der deutsch, deutschen Grenze wurde sofort in das Zivil-Leben entlassen und arbeitete später als Maurer und Steinmetz. Meine Schwester wurde - vorher in einem Berliner Krankenhaus für Funktionäre und Offiziere der NVA arbeitend - wieder Krankenschwester in einer betrieblichen Poliklinik. Mein Halbbruder, bis dahin auf der Warnow-Werft als Diplom-Schiffsbau-Ingenieur an der Konstruktion von militärischen Seefahrzeugen beteiligt, bekam von da an nur noch Arbeit im zivilen Schiffsbau. Und meine Jugendfreunde konnten - trotz intensivster Befragung durch die Stasi - guten Gewissens nur erzählen, dass sie nichts von meinen angeblichen "Fluchtplänen" wussten. Und genauer möchte ich das nicht wissen - denn auch in der Behörde zur Aufarbeitung der Stasi- bzw. DDR-Vergangenheit sitzen noch heute alte Seilschaften, die einst für die Verteidigung der sozialistischen Errungenschaften und des Weltfriedens ganz allgemein kämpften ...

War's interessant, mal etwas über einen ehemaligen "Verräter" zu erfahren? Alles andere, was ich hier nicht erzählt habe über mein bisheriges Leben, steht in meinem - noch nicht veröffentlichten - Roman ...

Danke für euer Interesse, und alles Liebe wünscht euch Peter H.

Anmerkung: Der Autor fuhr in der Großen Hochseefischerei beim Fischfang Rostock zur See. Danke für diese tolle Geschichte.
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Original-URL von Hart-Steuerbord