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Wie Seemannsgarn entstehen kann
Frank Männicke E-Mail an den Autor

Abends auf der Sail
Abends auf der Sail
Für die Freunde des Traditionsseglers Gaffelketsch "Albin Köbis" ist es eine schöne Sache, sich mit viel Elan in den Trubel der Hanse-Sail zu stürzen. Die "alten Hasen" an Bord, die auch schon auf anderen Treffen waren, betonen immer, dass die "Sail" in Rostock etwas besonderes hat. Mal von dem Rummel und dem Kommerz an Land abgesehen, zählen hier maritime Traditionen, die Organisation ist für die Schiffe und ihre Besatzungen gut gemacht und die Betreuung ist vorbildlich.
Besonderen Spaß machen aber die Ausfahrten mit den Gästen. Die Skipper lassen sich in der Regel viele nette Dinge einfallen, um die ja meist nicht für größere gastronomische Versorgung eingerichteten Schiffe zum Erlebnis zu machen und sogar für kulinarische Leckerheiten zu sorgen.
Das reicht vom maritimen Abendmenue für 25 Personen, gezaubert in einer zwei Quadratmeter großen Kombüse, bis hin zum leckersten Eintopf, den es je in MeckPomm gegeben hat. Voller Inbrunst kann dann der Smutje den erstaunten Damen und anwesenden Hausfrauen erklären, wie man bei Windstärke Sechs bei der Einfahrt nach Rostock mit dem entsprechenden Seegang die Kartoffelsuppe gehindert hat, aus dem an den "Herdklampen" befestigten Topf zu entweichen oder dass der gereichte Kuchen nach den Rezepten der Urgroßmutter des Skippers gebacken wurde. Der absolute Renner war aber der Salbeiwein. Richtig in einer alten, mit Korb umflochtenen bauchigen Flasche aufbewahrt, dann zum Ausschenken in eine auf dem Deckshaus angebundene Flasche mit Hahn umgefüllt. Das Geheimnis: frische Salbeiblätter, mit Landwein aus dem Tetrapack angesetzt, drei Wochen ziehen lassen, gut gekühlt serviert. Die Menge und Mischung sollte man je nach Geschmack selbst ausprobieren. Hat angenehme verdauende Wirkung und einen echt spezifischen Geschmack. Nach anfänglicher Skepsis bei den Gästen entwickelte sich eine regelrechte Euphorie für das Getränk. Man gab ihm einen "mediterranen Charakter", lobte seine "erhellende Wirkung", befand ein Wohlbefinden nach dem Genuss. Das gab dem Affen dann richtig Zucker. Nach drei Tagen Hanse-Sail wurde dann die letzte Gruppe mit einer fast abenteuerlichen Version konfrontiert.
Abends auf der Sail
Das Weinrezept geht zurück auf eine sehr interessante Begegnung auf einem Seglertreffen in Brest. Man hatte dort auf Einladung der Besatzung einer englischen Zollyacht einen maritimen Trödelmarkt besucht und nach zähen Verhandlungen die Seekiste eines bretonischen Fischers aus dem 19. Jahrhundert erstanden. Bei näherer Untersuchung der Kiste hatte man dann in einem Geheimfach ein Tagebuch eben dieses Fischers entdeckt - in altem Bretonisch geschrieben. Ein Lehrer aus dem Ort hat dann Passagen übersetzt, wobei da auch das Rezept für Salbeiwein eine Rolle spielte. Den haben die Fischer bei ihren längeren Törns mitgenommen, um Krankheiten vorzubeugen... usw. usw. Voller Inbrunst wurden die Details noch ausgebaut. Die Geschichte wurde dankend aufgenommen...

Auf alle Fälle war am Ende der gesamte Weinvorrat aufgebraucht, natürlich immer in dem Gedanken, maritime Traditionen nachvollzogen zu haben. Käpt`n Blaubär hätte seine helle Freude an uns gehabt.

Frank Männicke - Mitsegler und Mitglied der Stammbesatzung auf der "Albin Köbis" zur Hanse-Sail (siehe auch www.albin-koebis.de)
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Original-URL von Hart-Steuerbord