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Die Postboje
Kapitän Jürgen Schmidt E-Mail an den Autor

„Reise, Reise,.....hoch die müden Knochen“, schrie es in meine Kammer, „Du musst zum Dienst“. Der Kochsmaat stand in der Tür und hatte mich mit dem Geschrei voll auf dem falschen Fuß erwischt, „RAUUS“ schrie ich, was er auch sofort befolgte. Erreicht hat er aber auf jeden Fall, dass ich hellwach wurde. (Er hatte mir nur einen Gefallen getan, um meinen Wachdienst nicht zu versäumen.) Langsam dämmerte mir auch der gestrige Tag: Äquatortaufe von drei „Frischlingen“ und dementsprechend auch die Feier danach, die Gedanken daran brachten doch wieder ein fröhliches Grinsen in mein Gesicht. Wurde jetzt aber Zeit zum Essen und dann zum Dienst zu erscheinen.

In der Mannschaftsmesse hörte ich schon den Bootsmann lautstark auf die neuen „Jantjes“  „einhämmern“. Eigentlich das Übliche, so was wie: „Bereitet Euch schon mal vor, den abgelaufene Kompass heute Abend aufzuziehen .... und denkt an die Heimatpost, wir werden bald eine Postboje erreichen, die letzte auf dieser Reise“, u.s.w.     Na ja, „früher“ sind wir auch auf viele Sprüche reingefallen, heute kommt dann nur noch ein müdes Lächeln ins Gesicht, man war ja mächtig erfahren, vor allem jetzt als Offiziers-Assistent (sprich: Brückenbutler).

Mann oh, 1150 Uhr, ich muss hoch zur Brücke......

Der 1. Offizier war schon mit der Übernahme der Wache vom III. Offz. fertig und hielt noch einen kurzen Snack mit dem „Alten“, dann waren wir allein und konzentrierten uns auf die Pflichten. – Das Radarbild war beruhigend leer anzusehen, nur ein kleines Objekt, welches auf 12 Seemeilen, in 3 Strich-Steuerbord ab und zu auftaucht. Gegen 1235 Uhr ergab das Radarbild das gleiche Objekt in ca. 7 Seemeilen und stehender Peilung (sprich: Kollisionskurs), der Chiefmate hatte auch alles mit stoischer Ruhe unter Kontrolle, deshalb auch die Aufforderung mal zum „Glas“ zu greifen, weil trotz sehr guter Sicht mit bloßem Auge nichts zu erkennen war. Na ja und was ich dann im Fernglas erkannte, oder meinte zu erkennen, ließ mir die Nackenhaare hochgehen. Mehres Augenwischen half nichts, auch die Gedanken an den gestrigen Rum-Punsch, ob mir da vielleicht Reste den Geist verwirrten, ich sah.....einen Radfahrer mitten im Ozean. Weil ich wohl auch ziemlich dumm aussah, kam auch die prompte Frage vom 1NO: Schmidt, was ist los?" Was sehen sie denn. “Chiefmate“, antwortete ich, „kann ich Ihnen nicht sagen, schauen Sie doch selber mal“. Während er noch über Unfähigkeiten des Nachwuchses laberte, reichte ich Ihm mein Glas, in der Hoffnung dass er das Gleiche sieht, vielleicht weil sein Glas dies nicht anzeigen würde. – „Neee, neeiiin, gibt es nicht!“, war alles was er sagen konnte. Ich war heilfroh, dass mein Geist noch funktionierte. Bevor er noch irgendeine Reaktion zeigte dröhnte plötzlich das UKW-Gerät auf Kanal 16 (internationaler Anruf und Seenotkanal): „Schiff in meiner Backbord-Peilung, wir haben Kollisionskurs, bitte kommen Sie Ihrer Ausweichpflicht nach, - hier spricht der Postbote!".  – Der Chiefmate ging mächtig verstört zum Sprechfunkgerät, im Vorbeigehen hörte ich so etwas wie: „wenn ich das überlebe trinke ich nie wieder Feuerwasser“, kann mich aber auch verhört haben, seine Stimme war ziemlich gebrochen.  Mann, war ich froh hier keine Verantwortung zu haben, wüsste überhaupt nicht weiter. Am liebsten wünschte ich mir, ich wäre gar nicht hier. Mensch, das war die Idee: „Chiefmate, soll ich den Alten holen?", fragte ich. – Keine Antwort! Er nahm zitternd den Hörer ab und sagte mit Fistelstimme: „Schiff an meiner...... wer sind Sie noch mal...... habe Sie nicht richtig verstanden?"

  Wieder der dröhnende Bass auf Kanal 16: „Jungs, hier ist der Postbote, normalerweise habe ich ja reichlich Zeit und weiche auch allen Schiffen aus, nur das letzte hat dummerweise 2 Eilbriefe  in die Postboje geworfen, da muss ich wohl oder Übel den geradesten Weg nehmen, sonst kein Problem, ohne diese verdammten Eilbriefe hätte mich nie jemand gesehen“. –„Schmidt, holen sie den Alten“, sagte der Chiefmate mit versagender Stimme. Mir fiel ein Stein von der Brust, nur weg hier......

  Der Alte saß wohl um diese Zeit noch in der Offiziersmesse, also nix wie hin. – Tatsächlich war er bei seinem täglichen Plausch mit dem LI. – „Herr Kapitän“, sagte ich, „der Chiefmate hätte Sie gern mal sofort auf der Brücke“. „Wieso ruft er hier nicht......“ weiter kam der „Alte“ nicht, da legte sich das Schiff schon sehr stark nach Backbord. Alle Tassen, Gläser und anderes, auch der Steward wurden schlagartig durch die unvermittelte Bewegung von den Tischen und Beinen geholt. Eigentlich zum Lachen, wenn meine Gedanken an den „Postman“ nicht im Hinterkopf wären. Der „einsame“ Chiefmate hat ohne Vorankündigung ein Ausweichmanöver eingeleitet. Zurück blieb ein echter Trümmerhaufen. Den Alten brauchte ich nun,  Dank dem Ausweichmanöver, auch keine Auskunft zu erteilen, er war schon auf dem Weg zur Brücke.

Dort angekommen, hoffte ich auf echte Spannung. Nichts passierte, außer das der „Alte“ seinem 1. mächtig den „Kopf wusch“. –Ein Blick in das Radargerät bestätigte auch meine Vorahnung, der blanke Bildschirm, absolut nichts zu sehen. Was sollte der Chiefmate denn für einen Rapport aufsagen?

Nachdem Dieser seinen Rüffel mitsamt Tagebucheintrag bekommen hatte zog der „Alte“ wieder los und wir Beide schwiegen uns fast eine Stunde aus. – Ohne weitere Zwischenfälle spulten wir unsere Wache runter, das Einzige kurz vor Schluss war noch ein „Wort unter Männern“. „Herr Schmidt“, sagte der Chiefmate, „Über das Vorgefallene möchte ich zu meiner Lebzeit kein Wort mehr verlieren und wenn Sie jemals darüber sprechen, streite ich Alles ab. So wie ich auch später noch hörte hat mein damaliger "Chiefmate" wohl nie wieder auf Schiffen den Rum-Punsch angefasst.

Mit einem Kloß im Hals habe ich noch volle 6 Stunden in meiner Kammer gesessen und nur das Vergangene vor Augen gehabt. So ganz sicher bin ich Heute auch nicht mehr wo sich die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit  ziehen.      J. S.


Anmerkung: Diese und weitere Geschichten findet man auf der sehr schönen Homepage von Jürgen Schmidt. Außerdem gibt es dort einen Einblick in die Geschichte der Seefahrt und noch einiges aus der Seemannschaft.
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Original-URL von Hart-Steuerbord