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Das Meuterschiff
Franz Manser 

Bregaglia

Befördert zum Chiefsteward.

Eigentlich wollte ich ja auf ein anderes Schiff, auf einen Neubau Das Schiff war aber noch auf der Werft und soll demnächst in Betrieb genommen werden. Ein 36'000 BRT Bulkcarrier. Das war doppelt so gross wie das, auf dem ich bis jetzt, also ein ganzes Jahr gefahren bin. Nach meinem dreimonatigen Urlaub soll es mit der alten Führungscrew also auf diesem neuen Schiff weitergehen, für ein weiteres Jahr - und ich freute mich so darauf.

Doch es kam alles anders.

Da kam ein Telefonanruf von der Reederei,ob ich nicht auf ein anderes Schiff anmustern könnte? Nein, nicht so gerne, denn ich freute mich auf ein Wiedersehen mit meinem alten Kapitän, mit dem Funker,mit meinem Chiefsteward und natürlich ein niegelnagelneues Schiff das noch nach frischer Farbe roch.

Wir hatten uns doch so gut aneinander gewöhnt.

Aber sie werden vom ersten Koch zum Chiefsteward befördert, lockte die Sprecherin am Telefon. Nun,so stark reizte mich das auch wieder nicht. Gerne wäre ich auf das neue Schiff gegangen, wenn es auch weniger interessante Reisen versprach als nun das neue Angebot versprach. Das Fräulein aus dem Reedereibüro lockte mit Fernostreisen - Japan, Thailand, Singapore. Sie gabsich wirklich sehr Mühe mir den Mund wässerig zu machen.

Verlockend, sicherlich. Und es wäre ein Notfall, denn der jetzige Chiefsteward sei durch einen schweren Unfall arbeitsunfähig. Dabei war der arme Kerl auf See umgekommen. Aber das erfuhr ich erst viel später auf dem Schiff. Schliesslich willigte ich ein. Ich Idiot!

Und wohin geht die Reise?

Dummerweise unterliess ich es, mir nähere Informationen über diesen Generalcargo einzuholen. Sie, die von der Reederei liessen mir ja auch gar nicht erst Zeit dazu. Nun, also,ich liess mich überreden aber nur, wenn mir das Flugticket nach Liverpool bezahlt werde. Mit der Bahn hätte das ja eine Ewigkeit gedauert.

Und da es sehr eilte und ich dringend gebraucht wurde, willigte die Reederei auch gleich ein.

Wäre immer noch besser gewesen und schnell genug gewesen mit der Bahn - hätte ich gewusst, was da noch auf mich zu kommen sollte.

Die Reise nach Liverpool begann ja auch schon recht turbulent. In London konnte unsere "Super Caravelle" wegen sehr starkem Windes und schlechter Sicht nicht gleich landen und so kurvten wir in Erwartung günstigeren Wetters am wolkenverhangenen, düsteren Londonerhimmel herum. Nach reichlich verspäteter Landung verpaste ich die Anschlussmaschine nach Liverpool. Also an den Swissairschalter und fragen, was nun? Nach Manchester und dann mit dem Taxi nach Liverpool. Wird von der Swissair bezahlt. Mit einer unglaublich alten, sechsmotorigen Maschine flogen wir also nach Manchester. Wir sassen wie in einem Autobus, geradeso wie es kam und ging was mich sehr an afrikanische Verhältnisse erinnerte. Von Anschnallen, nicht Rauchen oder gar Rettungsanweisungen gab es nicht. Doch die Maschine flog im gegensatz zur Caravelle herrlich ruhig.Dann Regen auch hier wie schon in London. Nun ging es mit dem Taxi über das von Regen glänzende Land nach meinem Einschiffungsort. Unglaublich düster sah Manchester aus, nicht weniger trüb und trostlos auch Liverpool.

Schiff gefunden.

Trostlos auch der Anblick meines Schiffes, dass wir nach längerem müghevollen suchen auch endlich fanden. Rost, Rost und nochmals Rost. Rost von vorne bis hinten. Rost von der Wasserlinie bis hinauf zur einst weissen Brücke. Auf was für einen Kanakerdampfer bin ich denn da geraten? Doch das Innere des Schiffes sah allerdings schon eher gediegen und strahlte einen leichten Hauch von Luxus aus. Poliertes Mahagoniholz, die elegant geschwungene, teppichbelegte Treppe hinauf. Die waren jetzt ziemlich abgeschabt und farblos. Da und dort ein Bild an einer der dunkellackierten Wände. Glänzende Messinggeländer und Laufstangen. Der Kapitän empfing mich im Salon. Nun,wie sah den der aus - so gar nicht nach Europäer. Nein, er sei holländisch Indonesier mit holländischem Pass. Dabei roch der gute Mann nach Genièver wie eine ganze mit voller Leistung arbeitende Distellerie. Angezogen war er mit Shorts und ohne Hemd. Sein runder und stark geröteter Kopf bedeckte eine Dächlikappe

Die üblich Vorstellung mit übergabe meines Passes und der Beglaubigung der Reederei und übereichte dem Kapitän das

mit gebrachte Köfferchen im Auftrage der Reederei.

Mein Lehrmeister.

Dann wies mich der erste Steuermann (erster nautischer Offizier) in mein Arbeitsbereich ein. Ein nicht gerade angenehmer Bursche und ich sollte sehr bald merken,dasss ich in meiner Annahme sehr richtig lag.

Der Kerl war die Arroganz in Person, hatte einen verschlagnen Blick, war nervös und gehetzt wie ein in bedrängnis geratenes Tier. Aber warum eigentlich? Hatte er ein schlechtes Gewissen oder hatte er etwas zu verbergen? Täglich wies er mich nun in meine Arbeit ein, wobei er es nie unterliess,mir zu verstehen zu geben, dass er allein dank seiner grossen Kenntnisse in der Lage sei, dieses Schiff zu führen. Er brachte mir das Bedienen einer Rechenmaschione bei. Er zeigte mir, wie eine Warendeklaration für den Zoll zu machen sei. Und er versuchte vor allem,mich einzuschüchtern und gegen bestimmte Leute aufzuhetzen.

Ich machteihmallerdings schnell klar, dass ich für niemanden Partei zu ergreifen gedenke. Das machte ihn schon sauer und er begann auch sofort,mich zu schickanieren.

Ausserdem sah er so gar nicht nach Italiener aus. Blondes, gekraustes Haar. rötliches Gesicht und rötliche Haare Robuste,mittelgrosse Gestalt, perfektes Französisch (italienisch konnte ich zu jener Zeit noch nicht.) Ab und zu stiess er dunkle Drohungen aus - gegen unseren Kapitän, gegen den Chiefengineer, gegen die Reederei. Fragte ich ihn über den Grund seiner Unzufriedenheit, dann fauchte er mich nur an. Eine konkrete Antwort gab er nie. So schaute ich zu, dass ich möglichst schnell lernte um ihn nicht weiter und noch für längere Zeit in meiner Nähe zu haben.

Er spielte sich aber auf der ganzen Reise immer auf sehr unangenehme Art auf. Er war ein Einzelgänger, niemand mochte ihn, alle gingen im wo immer möglich aus dem Wege. Und er sollte noch Geschichte auf diesem Schiff machen!

Es gab wohl eine Menge zu tun, so ein Stewarddepartement zu verwalten.Dazu kam,dass Englisch voraussetzung war,die ich glücklicherweise hatte. Ich arbeitete vorher ein Jahr in London und lernte auch Englisch, und somit war das kein Problem. Also, der Herr Offizier hatte auch nicht gerade so grosse Lust,mich in mein neues Metier einzuarbeiten. Zumal er das gratis und praktisch "unfreiwillig" täte,wie er mir so oft zu verstehen gab. Und Geduld war nicht seine Stärke und ausserdem war er an Bord höchst unbeliebt schien aber eine gewisse Macht auszuüben. Das musste ich verschidentlich mit enormen Grimm feststellen.

Das Schiff und seine Mannschaft.

Meine Kabine war geräumig und lag im Oberdeck mit Sicht nach Achtern. Achtern lagen auch die Mannschaftsräume. Dazwischen befanden sich vier Ladelucken mit den dazu gehörigen wuchtigen Ladebäumen.

Also, ich hätte ja nicht auf dieses Schiff gehen sollen, sondern auf ein anderes, neues, frisch vom Stapel gelaufenen Bulkcarrier Schiff von 36'000 BRT. Doch auf diesem Schiff war der Chiefsteward verunfallt und ich musste diesen nun ersetzen. Vorher war ich als erster Koch gefahren und brachte somit nur wenig Erfahrung für den sehr verantwortungsvollen Posten als Chiefsteward mit. Der Indonesier Kapitän schien nicht gerade auf der Höhe zu sein - beruflich meine ich. Er soff zuviel und vernachlässigte die Führung aufs gröblichste. Und das nützte dieser First Officer natürlich weidlich aus. Er war es, der kommandierte und nicht etwa der Alte. Das konnte er, denn als Erster Steuermann ist er ja so gut wie schon Kapitän. Unter anderem übter er auch noch die Funktion eines Bordarztes aus.

Da liegt ein medizinisches Buch wobei acuh gleich am Ende die Begräbniszeromonie auf See beschrieben ist. Immerhin tröstlich, oder? Hat alles versagt, dann ist wenigstens noch die Anleitung

zur Bestattung vorhanden.

Die Moral der Mannschaft

Die war den Verhältnis enstprechend war auch dem entsprechend schlecht und gereizt. Das sollte ich noch sehr bald merken.

DieMannschaft setzte sich sowieso aus vielen Nationen zusammen. Da waren die Italiener, sie bildeteten die Mehrheit, dann kamen die Holländer, die Jugoslawen, die Portugiesen, die Spanier und natürlich waren auch noch einige Schweizer,vor allem in der Maschine dabei. Und natürlich das Steward- und Küchenpersonal. Die stärkste Gruppe, so stellte ich sehr bald fest waren die Holländer. Und die hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Und somit war der Reibungseffekt auch schon gegeben; Holländer gegen Italiener. Kam dazu,dass der Chiefengineer, ebenfalls Holländer,mit dem Alten nicht auskam. So weigerte sich dieser, mit dem Indonesier, den er nur den respektlos "hollandscher Pappsack" nannte, zusammen am selben Tisch im Kapitänsalon zu Speisen. ER verpflegte sich immerin der Offiziersmesse. Trafen die beiden doch einmal zusammen, dann artete dies immer oder meistens in einem lautstarken Wortwechsel, natürlich auf holländisch, aus.

Der Chiefengineer kam öfters in meine Kabine, wenn er Zeit hatte und wir konnten so schön miteinander diskutieren, denn er sprach wie die meisten Holländer sehr gut Deutsch. Er half mir auch im übrigen sehr viel. Vorallem warnte er mich von dem ersten Steuermann, der nicht über ale Zweifel erhaben sei. Und, vieles lag in dessen Vergangenheit im Dunkeln. so wurde gemunkelt, dass er in einem der letzten Häfen ein Bordmitglied über Bord gehen liess und man diesen Mann dann am frühen Morgen im trüben Hafenwasser hätte treiben sehen. Nein, das hatte gleich gemerkt,mit diesem Kerl war wahrlich nicht gut "Kirschen essen." Aber vorläufig war ich wohl auf seine Hilfe angewiesen.

Die Fahrt geht los.

Wir waren also jetzt auf Fahrt, denn das Schiff hat ja nur noch auf mich gewartet. Die Reise sollte zuerst nach Casablanca gehen. Von dort weiter nach Japan. Dort werden wir in drei verschiedenen Häfen, anlegen und unser Fracht, Phospat, löschen. Das Material wurde von der dortigen Porzellaninsustrie gebraucht. Ein Hafen lag ganz im Süden. Der zweite in Osaka und der dritte oben im Norden, auf Hokaido. Die Reise sllte duch den Suezkanal führen und das genau an Weihnachten.

Schon bei meinem ersten Durchgang durch die Vorratsräume bestätigte sich meine Befürchtungen; für eine so lange Reise hatten wir entschieden zu wenig Lebensmittel an Bord. Teilweise waren diese auch noch von minderwertigen Qualität. Ich stellte eine neue Einkaufsliste zusammen. Dies unter Mitwirkung des ersten Officers, also. Aber ein Einkauf war nur noch während der Durchfahrt durch den Suezkanal möglich und zwar gleich bei der Einfahrt in Port Said

Wieso ich keine Bewilligung bekam,in Casablanca den fehlenden Store zu kaufen ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Teurer wäre es dort ganz bestimmt auch nicht gewesen. Und vorallem wäre mehr Zeit zur Verfügung gestanden. Die Phosphatladerei in Casablanca übrigens war eine riesige Dreckarbeit. Dieser Phospatstaub drang durch alle Ritzen und Spalten und von nun an sollte es beim Essen immer von einem knirscheden Geräusch beim kauen begleitet sein. Undzufriedenheit auch von daher also. Zudem mussten die Kabinenfenster alle fest geschlossen bleiben so etwas wie bei einem kräftigen Sturm auf See. Aber trotzdem drang der ecklige, weisse und sehr feidne Staub überall ein.

Ausserdem mussten wir weit draussen an einer verlassenen Pier festmachen, wahrscheinlich um nicht mit dieser Stieberei die Stadt einzunebeln. Das Laden selbst ging schnell vonstatten,da moderne Elevatoren vorhanden waren und zum Einsatz kamen. Gelegenheit an Land zu gehen hatte ich leider nicht,denn zuviel Arbeit wartete noch immer auf mich. Noch war nicht alles so richtig an seinem Platz eingeräumt und gut verstaut. Und das war wichtig; wegen der Warenkontrolle und auch bei einem eventuellen Sturm. Ausserdem: Je übersichtlicher der Vorrat untergebracht wird, desto besser kann die Kontrolle durchgeführt werden.Vorallem die vielen Bierkartons sorgten für etwelches Kopfzerbrechen. Da standen doch gegen dreihundert Cartons an 24 drei Deziflaschen holländischem Bier direkt unter einer nach aussen führenden Storelucke. Kam da Wasser durch,weichte es die ganze Bierkisten Pyramiede auf und die Flaschen würden sich alle selbständig machen. Nicht aus zu denken! Also verstaute ich diese Kartons mit Hilfe meines Messboys an einem besseren und sicheren Ort. Nur; hier war es sehr eng, es gab kein Licht und man konnte sich in diesem kleinen,engen und niedrigen Raum weder drehen noch wenden. Aber hier waren die Kartons ganrantiert sicher und auch wasserdicht aufgehoben. Und,in der Tat handelte ich sehr richtig, denn im indischen Ozean wurde diese Luckentüre durch den Sturm so aufgedrückt, dass das Wasser genau an diesen frühernen Standortder Bierkartons fiel. Es gab eine rechte Überschwemmung da unten und eine riesenschöpferei bis alles Wasser wieder draussen war.Und natürlich musste dieseTüre gesichert werden! Doch bei diesem hohen Seegang ein sehr gefährliches Unternehmen das niemand übernehmen wollte. So musste wohl oder übel ich mit der freiwilligen Mithilfe des getreuen Messboys diese Schott wieder richten. Während ich versuchte, die Türe wieder fest zu schrauben,hielt der Kollege Wache und warnte mich vor der nächsten höheren Welle. Dann hiess es sich gut hinter das Schanzkleid ducken um nicht vom Wasser erdrückt oder mitgerissen zu werden. Eine verdammt ungemütliche Sache war das. Immer wieder kam solch beängstiogender, hoher Wellenberg angedonnert. Zum fürchten sahan diese aus und wirkten sehr bedrohlich. Alles brodelte, zischte, gurgelte, schäumte und spritzte so das wir in sekundenschnelle beide klatschnass waren.Wenigstens hatte das Wasser des indischen Ozeans eine angenehme Temperatur. Aber was würde wohl passieren, wenn mich so ein Brecher erwischen würde? nun, bei dieser Wucht sicher erschlagen, zerquetschtund dann irgendwie über Bord gespühlt, ab zu den Aussenbordkollegen, den Fischen. Ja dann,also aufgepasst. Mein bissschen Leben lag nun in der Hand meines Kameraden! Und er hatte wirklich sehr gut aufmich aufgepasst, das darf ich hier wohl sehr lobend erwähnen.

Aber zum Schluss hatten wir das geschafft und unsere Lebensmittelstores waren wieder am trockenen. Später erfuhr ich dann, dass genau bei diesem Schott, dass sich wegen eines Defektes nicht sicher verschliessen liess, mein Vorgänger ums Leben kam. Doch davon sprach natürlich niemand und niemand wollte etwas davon wissen oder gewusst zu haben. Aber auch das passte zu dem lausigen Unterhalt an diesem sonst sehr guten Schiffes. Auch während des grössten Sturmes,nicht in den höchsten und steilsten Wellenbergen.bewegte sich das Schiff unangenehm. Immer schaukelte es sanft, ruhig und stabil durch diese aufgewühlten Fluten so dass man innerhalb des Schiffes kaum etwas von der unruhigen tobenden und brüllender See bemerkte.

Wieso die dieses Schiff so vergammeln liessen, war mir wirklich unerklärlich und es warwiorklich jammerschade!

Die Küche.

Inzwischen aber ging meine Arbeit weiter. die Küche musste beaufsichtigt werden. Die rohen Lebensmittel mussten ausgegeben werden für die Küche. Vorallem mit dem Fleisch hatte ich mein liebes Problem. Zu Recht reklamierte der Koch,denn das Fleisch war wirklich unglaublich mager, schlecht im Aussehen und noch schlechter im Genuss weil vertrocknet und daher mit einem bitteren Nachgeschmack. Kunststück: Das Fleisch stammte aus Afrika, also halbverhungerte Steppenrinder. So mussten übergrosse Portionen geschnitten werden was wiederum den Verbrauch erheblich belastete. Die Reederei schrieb ja nur die Vorgaben pro Mann und pro Tag ohne aber auf die Qualtität und eventuelle Gewichtsverluste zu achten weder noch zu berücksichtigen.

Der Herd stand komischerweise nicht wie üblich, frei sondern war an der Stirnwand, also nach vorne in Fahrtrichtung angebracht. Darüber zwei Bullaugen die während der Fahrt nicht geöffnet werden konnten wegen des starken Luftzuges und zwar genau auf die Herdoberfläche. Das war schlimm für den Koch, denn so bekam er die volle Hitze zu spüren die von der Wand und der Decke zurückschlug. Die Einrichtung war nicht gerade grosszügig und ebenso vernachlässigt wie alles andere auf diesem Schiff auch. Die Bäckerei war in einem noch kleinerem Nebenabteil untergebracht - eng und dunkel mit noch weniger Frischluftzufuhr und noch heisser. Schlimmer war nur noch die Pantry. Das war nichts anderes als ein Loch mit einem Abwaschtrog und eine Abstelle für das Geschirr zum trocknen.

Die Manschaftsmesse lag gleich nebenan, hatte eine Durchreiche für die Speisen. Die Messe (Speiseraum) für die Offiziere lag ein Deck höher. Und den Kapitänssalon - noch ein Deck höher musste ich bedienen und bedeutete ein ganz schönes Stück Korridore und Treppen steigen.

In der Küche beschäftigt waren der erste Koch, der Bäcker der zugleich als Hilfskoch fungierte wenn er Zeit dazu fand Der Bäcker war aber vorallem zuständig für täglich frisches und knusperiges Brot sowie, wenn es möglich war, fertigte er auch feine Desserts an. Der zweiteSteward war für die Offiziersmesse zuständig und besorgte ebenfalls die Offizierskabinen. Der Pantryboy war für den Abwasch, die Reinigung undvielesw anderemehr zuständig. Alles in Allem der undankbarste Posten im Steward Departement.

Die Mannschaftsräume.

..........Die lagen auf Achtern, also hinten auf dem Schiff. Es war üblich und vorschrift der Reederei, dass die Mannschaftsräume und Kabinen einmal monatlich durch Kapitän, ersten Deckoffizier und den Chiefsteward kontrolliert werden müssen. Das aber liebte die Mannschaft ganz und gar nicht. Und um mir das gleich zu Anfang an zu beweisen, verweigerten sie uns den Zutritt zu ihrem Reich. Nun, sie hielten die Einrichtungen und Räume gut in Schuss. Alles war frisch gestrichen, sauber und soweit es eben ging, gemütlich. Nur ein fürchterlicher Lärm war da hinten schon! Da war die Antriebswelle für die Schiffsschraube, die Tag und Nacht dröhnte. Die Rudermaschine, die bei jeder noch so kleinen Korrektur knirschte und knackte, zischte,ächzte und schabte. Kurz um, es war ein Höllenlärm und zudem auch noch heiss und stickig. Nur zum Essen durfte die gewöhnliche Mannschaft Mittschiffs kommen. Ansonsten war für sie keine andere Aufenthaltsmöglichkeit gegeben. Da gab es wohl noch die kleine Bibliothek,die zu meinem Verwaltungsbereich gehörte. Aber ich war wohl der einzige Besucher und hatte auch bald alle Bücher gelesen.

Mein Büro und meine Arbeit.

Wer sich nun etwa vorstellt und glaubt, das wäre ein modern eingerichtetes Büro, der täuscht sich gewaltig. Da war nichts drinn als ein Schreibtisch. Der Rest der Einrichtung entsprach der Standartkabine. Weiter nichts. Die Abrechnungen wurden von Hand und im Kopf gerechnet oder ich bemühte mich zum Kapitän hinauf um seine private Rechenmaschine auszuleihen. Der gab sie natürlich auch nicht gerne her, das teure Stück. Abgesehen vom enormen Gewicht und der klobigen Grösse war sie auch sehr mühsam zu bedienen. Da waren für jede Zahl so ein kleines Hebelchen, dass in die jeweils gewünschteZahl eingerastert werden musste. Und so ging das Zahl für Zahl. War die Zahlenreihe komplett, dann musste mit der Handkurbel eine Umdrehung gemachtwerden und die nächste Operation konnte beginnen. Ausser der Gewissheit, dass, vorausgesetzt, es wurden alle Zahlen richtig eingegeben, das Resultat werde stimmen war keine Zeitersparnis damit zu erreichen. Oh, noch heute erinnere ich mich daran an das stundenlange mühsame eingeben von Zahlenreihen. Besonders wenn die Währungen noch alle in Schweizerfranken umgerechnet werden mussten

Und dann die englischen Gewichtseinheiten; auch diese mussten in Kilos und Gramms umgerechnet werden. Die englische Währung rechnete sich sogar in Pfund, Sterling und Pennys. Also nur schon diese ganze Umrechnerei frass einen ganz schönen Teil meiner Zeit weg.

Das ganze übergab ich dann fein säuberlich geschrieben und in ordentlichen Kolonnen dem Kapitän der es dann wiederum im nächsten Hafen über den Schiffsagenten an die Compagnie in der Schweiz weiterleitete.

Auch für den Zoll musste ich bei jedem Anlaufen eines Hafens die Warendeklaration erstellen. Die wurden dann den Zoll- und Hafenbehörden ausgehändigt die anhand dieser Formulare die Kontrolle durchführten. Und wehe,wenn die etwas fanden, was nicht deklariert war oder etwas das deklariert aber nicht da war. Endlose Palaver löste dies aus, die meistens nur durch kleine,aber diskrete Geschenke beendet werden konnten. Meistens genügte da eine Flasche Whisky oder eine Stange Zigaretten - amerikanische natürlich. Und meistens ging das auf meine eigene und persönliche Rechnung. Einmal sollte ich den ganzen so mühsam eingeräumten Bierstore ausräumen, weil die wissen wolten, was da wohl im hintersten und dunkelsten Winkel noch verborgen sein könnte. Und das nur, weil ich einem von diesen afrikanischen Zollbeamten auf die Finger klopfte, als er einen dänischen Salami klauen wollte. Das hätte ich wohl besser nicht getan, denn............ Aber ein kleines Geschenk aus dem Kühlraum (es war natürlich ein dänischer Salami) besänftigte diesen erzürnten Beamten wieder und so musste ich all diese Bierkartons nicht hervorzerren. Man konnte mich aufatmen hören

Rotterdam

Selbstverstänlich war es auch meine Aufgabe,den Warenverkauf, also den Kiosk, zu führen. Da waren vor allem Zigaretten, Bier, Cognac, Whisky, Gin usw. Auch Toilettenartikel wie Seife, Rasiercrème, Rasierwasser, Zahnpastata sowie Zahnbürsten und dergleichen die von der Crew gekauft wurden. Aber es wurde nicht etwa bar bezahlt, denn jeder Betrag wurde dem jeweiligen Lohnkonto belastet. Da wurden die Augen manchmal recht gross, wenn die den Abzug für Storeware ungläubig betrachtenten. Ja ja, in so einem langem Monat auf See kam schon einiges auf die Abrechnung. Die Ware wurde jeweils vorausbestellt und am nächsten Tage ausgegeben wobei mir der zweite Steward dabei behilflich war.

Und da war noch meine Arbeit als Metzger. Ich musste das Fleisch zwei oder drei Tage vorher aus dem Tiefgefrierraum nehmen zum auftauen. Dann mussten die Stücke, meistens halbe Schweine, Rindsviertel, seltener halbe Kälber, ausbeinen und in Portionenstücke für die Küche zuschneiden.

Wie ich schon andeutete, die Fleischqualität war zum Teil misserabel. Und der Koch bekam natürlich als erster die Redklamationen der Mannschaft zu hören. Der wiederum beschuldigte den Chiefsteward wegen Einkaufs von schlechter Ware, worauf die Schuld natürlich ganz automatisch auf mich fiel. Dabei habe ich ja diese Ware gar nicht ich eingekauft sondern irgend jemand,der sich vom Schiffshändler ganz kräftig übers Ohr hauen liess!

Aber versuche mal, dies einer unzufriedenen Meute zu erklären! Die sahen nur die mageren, kleinen und zähen Portionen auf ihrem Teller und weiter nichts. Klagte ich beim Kapitän, schickte er mich zum ersten Steuermann, der angeblich den Einkauf im letzten Hafen an Stelle des verunglückten Chiefsteward besorgte.

Kurzum, die meist berechtigten Klagen musste ich also selbst schlucken. Klagen konnte ich nur bei meinem Freund, dem Chiefing. Doch der konnte auch nichts ändern an dieser unerfreulichen Situation. Aber immerhin, er hatte immer ein offenes Ohr für mich.

Wir hatten Mittschiffs noch freie Kabinen und der eine oder andere der Mannschaft hätte es dort ruhioger gehabt als auf Achtern in diesen engen, stickigen und lärmigen Räumen. Doch, vom alten bekam ich auf meine Anfragen immer nur ein stotisches nein! Das wiederum konnten die Fragenden nicht verstehen. Aber was konnte ich denn tun? Natürlich war wiederum ich der böse Mann. Wie immer!

Das Schiff hatte einen sehr starken Sturm auf der letzten Fahrt durchmachen müssen und vieles war beschädigt oder zu Bruch gegangen. So auch fehlte es an Geschirr, Gläsern und anvielem andern. Dass die Mannschaft teilweise aus leeren Konservendosen essen und trinken mussten war schon eine Zumutung. Also, auch hier hätte schon in Casablanca Abhilfe geschaffen werden können, wäre der gute Willen vorhanden gewesen. Denn soviel ich weiss, waren die Sturmschäden von der Versicherung gedeckt und vielleicht sogar schon bezahlt worden? Wo also bilieb die Ersatzware? Wo das Geld?

Einkauf im Suezkanal.

Weihnachten. Die beiden Tannenbäumchen,die ich unter der Treppe zum Lebensmittelstore hinunter hervorgezogen habe und für die Dekoration der Mannschafts- und Offiziermesse hätten dienen sollen, waren total verdorrt. Keine Nadeln mehr dran an dem einstmal so schön grünen Tannenbäumchen. Das hätte wenn schon, dann im Kühlraum aufbeewahrt werden sollen.Doch von diesen Christbäumen wusste ich nichts, bis mich der erste Steuermann hämisch darauf aufmerksam machte. Klar, war die Mannschaft entäuscht und wiederum war ich der Schuldige. Doch,ich hatte noch wichtigeres zu tun,denn nun sollte Frischware an Bordkommen. Da im Kanal sehr langsam gefahren wurde, wares für die Schiffshändler leicht, zu uns auf Deck zu gelangen. Ich kaufte Früchte, Salate, Gemüse und als Ersatz für das wärend dem Sturm in Trümmern gegangene Geschirr Campingeschirr. Erst in Japan war es mir erlaubt, Porzellangeschirr und Gläser zu kaufen. Es sei hier in Ägypten viel zu teuer und der Alte legte sein wiedermal sein sattsambekanntes Veto ein. Also dann halt das billige Aluminiumgeschirr. Besser als leere Konservendosen, dachte ich mir! Aber, ohalätz, das kam aber dann bei derMannschaft verdammt schlecht an. Die zertrümmerten mit wuchtigen Faustschlägen die Alluminium Tassen auf dem Tischplatt wie ein Konservenbüchsendeckel, verbogen die Teller in kleine Kunstwerke und warfen das Zeugsin ihre rWur im ganzen Raum umher. Und schon wieder war ich der böse Mann der der Mannschaft nichts besseres gönnen mochte. Und das auch noch an Weihnachten. Zudem war auch noch wärend der ganzen Durchfahrt durch den Suez absolutes Alkoholkonsumverbot. Auch das half nicht gerade der guten Laune. Und für Festtagsstimmung überhaupt nicht!

Die Händlerboote kamen längsseits und vesuchten uns ihre Ware mit allen Tricks und viel Geschrei anzudrehen. Alles hatten die dabei, von Kleider über Radios bis hin zu Lesestoff in Arabisch, Englisch und Französisch und Zeitungen sowie Zeitschriften und Magazine.

Einige kamen auch direkt an Bord und breiteten ihr Angebot ohen viel federlesens auf dem nackten Deckplanken aus.

Auch Haarschneider, Wahrsager und Naturheiler fehlten nicht auf diesem Markt. Alles war dabei, das grosse Geschäft mit den Seefahrern zu machen.

Und ich musste mir unser Schiffshändler aussuchen der ja von der Reederei immer vorgeschrieben ist. Das sit nicht leicht,denn jeder streckte mir sein Visitenkärtchen unter die Nase und versprach das blaue vom Himmel herunter. Endlich fand ich meinen richtigen Mann und in meiner Kabine setzten wir die Bestellung auf. Die bestellte Ware kam noch in derselben Stunde an Bord. Das heisst, es fuhr ein motorisiertes Boot längsseits und mittels einem Seil zogen wir nun die Ware in einem Tragnetz hoch. Zum kontrollieren blieb nicht viel Zeit. Das wussten die Kerle da unten im Boot auch, denn bei näherem hinsehen kamen denn auch die schwindeleien an's Tageslicht. Da war unten anstelle von Äpfeln noch sehr viel Holzwolle. Die vermeintlichen Birnen stellten sich dann als noch gänzlich unreife Avokados heraus. Oben war die Ware schön und frisch, unten aber faul und verdorben. Da es sich um Frischprodukte handelte, war das doppelt schmerzlich, denn auf langen Seereisen kann man ja nicht einfach auf dem nächstliegenden Markt einkaufen.

Das frisches Obst an Bord kam, das hatte die Mannschaft ja selbst gesehen, dass dieselbe aber nicht auf dem Essenstisch auftauchte verwunderte sie also. Keine Erklärung, keine Entschuldigungen halfen, der böse Mann war wieder einmal ich.

Und der erste Steuermann tat das seinige dazu. Vielfach legte Er der Mannschaft die vermeintlichen Misstände so vor, dass da nur die Schiffsleitung bis hin zum Koch die Schuldigen seien. Damit brachte er aber vor allem den Koch in rasende Wut. Die versuchte er dann wiederum an mir auszutoben. Und der Bäcker half ihm dabei mit in vermeintlicher Solidarietät. Fast jeden Tag kam es nun zu Quereleien wegen diesem und wegen jenem. Es war ganz offensichtlich, dass da jemand die Crew "bearbeitete" und Unruhe stiftete. Bald musste ich mich in acht nehmen vor eventuellen tätlichen Angriffen. Vom Alten war keine Abhilfe zu erhoffen. Der gute Mann war zu sehr mit sich und seiem Alkoholproblem beschäftigt. Auf der Brücke war er sowieso nur noch selten anzutreffen. Stattdessen kommandierte der Erste Offizier das Schiff und befahl seinen Untergebenen was zu tun sei.

Die Zusammenarbeit mit der Maschine funktionierte insofern, dass keine Manöver anlagen und das Schiff freie Fahrt hatte. Wir fuhren ja inmitten des indischen Ozeans immerzu gegen Osten.

Die Monotomie nahm täglich zu und die schlechte Laune auch.

Elektriker und der Autor

Einmal kam es mit dem Bäcker und dem zweiten Steward zu einem lautstarkren Disput auf das auch der Alte in seinem Salon aufmerksam wurde. Er rief mich zu sich und wollte wissen, was geschehen sei? Na, das wurde ja auch wirklich Zeit!. Ich versuchte ihm die explosive und spannungsgeladene Situation an Bord zu erklären. Seine Antwort und einziger Kommentar dazu war: Schon gut, machen sie nur weiter so. Nun, so stand ich also alleine da. Dabei hätte der Mann in der Funktion eines Kapitäns doch die Pflicht gehabt, wenigstens an Bord für Frieden und Ordnung zu sorgen. nein, das tat er nicht sondern überliess es weiterhin seinem Ersten, das Schiff zu befehligen. na, dann also gute Nacht.

Doch, einen "Verbündeten" hatte ich ja; den Chiefenginer. Der kam mit dem Alten ganz und gar nicht zurecht und noch weniger mit dem eigenmächtigen Kommando vom Ersten Deckofficer. Auch er schien unter den zwiestigkeiten der Mannschaft zu leiden. Er war zusammen mit des zweiten und dritten Maschinenoffiziers und eben den Alten die einzigen Holländer an Bord. Doch nicht einmal die Holläder kamen mit- und untereinander aus. Hier bestand ohne zweifel Konkurrenzdenken und seine Landsleute schienen es eher mit ihrem Kapitän zu halten.

Eines Abends, wir sassen wieder einmal in meiner Kajüte gemütlich bei einer Flasche Wein zusammen, übergab er mir eine Pistole. Zu deiner Selbstverteidigung, sagte er freundlich aber entschieden. Ausserdem gab er mir noch den guten Rat, die Kabinentür immer gut abgeschlossen zu halten und nie allein und vorallem nicht des Nachts auf Deck zu gehen. Man kann ein Schiff ohne weiteres auch ein Gefängnis nennen, wenn man so will. Wo kann man auch hin? Niergends, denn rundum ist Wasser soweit das Auge reicht, Tagelang,Wochenlang, Monatelang. Stimmt das harmmonische Zusammenleben nicht an Bord, dann kann das leicht zur Hölle werden.

Der beste Freund.

In Liverpool brachte jemand heimlich einen jungen, noch kleinen, schwarzen Hund mit an Bord. Versteckt und verstohlen unter seinem Pullover schmuggelte er das Tier an der Gangwaywache vorbeit. Den hielten sie versteckt, bis das Schiff aufhoher See war und stellten damit den Kapitän vor ein faite à complie. Über Bord werfen durfe er das Tier ja nicht.Und so wurde Blacky unser allerseits geliebtes Maskottchen. Blacky hiess er schon wegen seines rabenschwarzen Fells. Einer bestimmten Rasse war er auch nicht zuteilbar, eine gutgelungene Promenadenmischung also. Aber er war ein freundlicher und gutmütiger Kerl und holte sich in der Küche so manches gute Stück Fleisch. Am liebsten hielt er sich aber in der Mannschaftsmesse auf. Die gaben ihm Bier zu saufen und Spiegeleier zu fressen. Hatte er sein Bäuchlein voll, dann legte es sich zufrieden unter einen der Tische und verdöste glücklich den Rest des Tages. Der Hund nahm aber ganz eindeutig Partei für die Deutschweizern und hatte bei den Holländern, Italienern, Jugos, Portugiesen überhaupt nichts zu suchen noch genoss er deren Sympatie. Dem Hund war das wohl völlig gleichgültig. Für ihn war wohl Hauptsache, seine tägliche Bier und Eierration zu erhalten. Ich mochte das drollige Kerlchen, denn wenigstens er war nicht parteiisch, einversüchtig, zänkisch oder gar voreingenommen!

Aber irgenwann und irgendwo muss uns Blacky verlassen haben in einem Hafen oder gar schon vorher auf See??? .

Auf einmal war er einfach nicht mehr da. Niemand hatte etwas von ihm gesehen oder gehört. Niemand wusste, wie immer auf diesem Schiff so üblich, nichts - noch weder hatte jemand etwas von ihm gesehen.

Hatte ihn etwa.............aber das darf doch wohl nicht wahr sein,oder?

Schwarzfahrer?

Manchmal kommen Tiere, vorallem Katzen und Hunde freiwillig und von selbst an Bord und verlassen das Schiff in einem anderen Hafen wieder.

So kam eines Tages in Dakar ein kohlrabenschwarzer Kater an Bord. Wo die Küche ist, hat er wohl sofort herausgekriegt. Und wer von der Mannschaft ihm die besten Brocken verschafte ebenso schnell. Das Tier war unglaublich zutraulich aber zugleich auch sehr vorsichtig. Der merkte sofort wer ihm gut gesinnt war und von wem er sich in acht nehmen musste. In der Nähe des ersten Steuermannes sah man ihn nie! Auch nicht auf der Brücke. Er fuhr eine Zeitlang mit uns, um dann irgend in einem anderen afrikanischen Hafen wieder "abzumustern."

Auch Möven waren unsere ständiogen und treuen Begleiter. Unermüdlich flogen sie hinter dem Schiff her. Sie schafften es spielend, von Europa nach Amerika mitzufliegen. Nur des Nachts ruhten sie sich wahrscheinlich auf den Masten und Antennen aus. Nie habe ich Tagsüber eine Möve ausruhen sehen. Was oft vorkam war, dass Zugvögel unser Schiff als Ausruhestation benützten. Das kam dann aber sehr auf die Fahrtroute drauf an. Das Schiff musste also in etwa die gleiche Strecke fahren wie die Vögel.

Zwei Moanate später.

Wir liegen in Abidjan an der Elfenbeinküste.

Von Bankok, Tailand brachten wir eine Ladung von 12'000 Tonnen Reis für die hungrigen Mäuler Afrikas mit. Aber nurdie Hälfte wird hier ausgeladen. Die Rest wird in Dakar entladen. So reich diese Länder an Bodenschätzen sind,so arm sind sie an Lebensmittel. Die Laune und die Moral der Mannschaft hat sich zusehens gebessert. Es gab ja auch wieder Frischproduckte die zwar hier sehr teuer sind. Fast alles wird für die Weissen aus Frankreich eingeführt und sehr oft per Luftfracht. Aber was interessiert das jemand von der Bordbesatzung?

Also war auch hier und desswegen immer noch sparen angesagt und die Zuteilung eher knapp.

Und es gab wieder Landgang! Das ist es, was die Mannschaft friedlich stimmt. Direkt zahm und umgänglich wurde jetzt ein jeder. Fast vergessen der Hader, der monatelang unser seelisches Gleichgewicht so belastet hatte. Alle kamen wieder verträglich und zuweilen sogar kammeradschaftlich miteinander aus. man redete wieder miteinander und besprach die Probleme in Ruhe und Anstand.

In Dakar.

Hier kommt der Schweizerkonsul an Bord. Er wird die Mannschaft und vorallem den Kapitän und den ersten Steuermann über die Umstände befragen die zu diesen unschönen Unruhen geführt haben. Es gibt ein regelrechtes Verhör und immermehr Mannschaftsmitglieder werden in die Befragung mit einbezogen. Es bestand ja eine Liste, worin sichdie Unzufriedenen mit ihren Beschwerden vorallem gegen die Verpflegung und Unterbringung eingetragen haben. Je länger die Befragung seitens des Konsuls dauerte, desto mehr liessen sich wieder aus der schwarzen Liste austragen. Ja, einige waren sogar so nett und entschuldigten sich bei mir. Einstimmig gaben sie zu, vom ersten Steuermann aufgehetzt und aufgewiegelt worden zu sein. Nach drei Tagen waren Befragung und Untersuch dieser miesen Umstände abgeschlossen. Ich war zum allergrössten Teil von Schuld befreit und reingewaschen. Was blieb, war die Entäuschung und der viele Ärger den diese ganze aufwieglerei durch den ersten Steuermann.

Es deckte aber auch auch einige Schwachstellen der Schiffsleitung auf. So gab es zum Beispiel für den Chiefsteward, konnte er sich innerhalb der von der Reederei vorgegebenen Tagessätze (= Verpflegungskosten pro Mann und pro Tag) halten, eine Prämie. Nun kann natürlich der Chiefsteward schon in Verdacht kommen, auf Kosten der Mannschaft zu geizen und zu sparen. Das konnte ich zwar nicht, denn ich hatte ja nicht einmal das Notwendigein meinen Lagerräumen und musste froh sein, mit diesem zurechtzu kommen. Dass die Portionen klein waren, kam ja nur daher, weil das Fleisch von minderer Qualität war, also zu mager, vertrocknet durch zu lange Lagerung und das Gemüse und die Früchte verdarben oder schon verdorben an Bord kamen. Die Hälfte der Kartoffeln mussten weggeworfen werden, weil sie faul waren oder zu stark auskeimten. Aber die kamen ja schon in England so an Bord und darüber hatte der erste und zweite Steuermann nachweislich die Aufsicht gehabt.

Marseille.

Die Fahrt nach Marseille verlief ruhig und ohne Zwischenfall. Der erste Steuermann hielt sich von allem raus, ja er lies sich überhaupt gar nicht mehr blicken. Auf ihn warteten in Marseille schon die Behörden denn gegen ihn war Anklage erhoben worden. Doch,die Gangway hatte die Pier noch nicht berührt, sprang der erste Steuermann schon mit zwei schwer bepackten Koffern! an Land und weg war er - auf nimmerwiedersehen. Es fehlte aber eine Menge an Silberwaren aus der Offiziersmesse wie sich später herausstellte. Diese machten sein Gepäck also so schwer!Nie habe ich mehr etwas über ihn gehört aber ich wusste, dass er bei keiner Schweizerreederei meh eine Anstellung bekam. Bleibt nur zu hoffen, es stimmt. Nur bedaure ich, das solch ein Typ weiterhin auf einem Schiff und wenn möglich noch als Kapitän die Hölle los lassen kann und eine Mannschaft auf's schändlichste terrorisieren wird.

 (Diese Geschichte wurde von mir, Franz Manser selbst erlebt und niedergeschrieben im Monat Juni 2003 und ich stelle sie allen Freunden der Seefahrt zum Lesen zur Verfügung. Kein Abdruck ohne ausdrückliche Erlaubnis )


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Original-URL von Hart-Steuerbord