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Mein liebes Warnemünde
Bernd Schirm E-Mail an den Autor

Die Hochseefischeranwärter des Jahrganges 1963, die aus allen Teilen der DDR kamen waren ja nicht nur voller Illusionen und erwartungsvoll, sie hatten auch die feste Absicht etwas zu leisten. Wir waren alle zwischen 16 und 18 jahren alt, hatten unsere Elternhäuser weit hinter uns gelassen und das Internat oder wie es hieß, die Betriebsberufsschule "John Scher", war nun unsere Heimat.

Und da ging es freundlich, aber auch streng her. In der "Wache" Frau Roll, die so manchen "Spätheimkehrer" Beine machte, wenn er versuchte durch das vorher vorsichtig angelehnte Fenster des Speisesaales nach 22.00 Uhr einzuschlüpfen um unbemerkt in sein Quartier zu entwischen. Da kam sie prustend in die vermeintlichen Zimmer, schlug die Decken zurückund prüfte ob das Schlafen vorgetäuscht oder echt war. Jedem heutigen Pulsmesser war sie weit überlegen.

Mit einer Verwarnung schlich man am nächsten Tag auf den Netzboden, wo Netzbodenleiter und Kapitän Hein Rüsch das Sagen hatte. Er dirigierte und legte fest und unser Lehrausbilder Fritz Tretow lehrte uns spleißen und erklärte uns als Fahrensmann, der er vorher war, was die Netzlast ist und wie Moker und Marlspieß zu betätigen sind. Die Freizeit verbrachten wir fast ausnahmslos in Warnemünde, das so schön nach Abenteuer und Freiheit roch. Und es war auch die Zeit, als im Kurpark der Schlagersänger "Jan Rohde" auftrat und tausende Rostocker, Warnemünder und wir "Marieneher" mit- jubelten und die Obrigkeit völlig verstört war. In den Ästen der Bäume des Kurparks saßen die Fans und jubelten den Musikern zu, die so glaube ich aus Norwegen kamen und Warnemünde so erfrischend aufmischten. Kurz danach sah ich mit meiner Jugendliebe Sabine im Kurhausgarten den Film mit Horst Buchholz "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

Beschwingt vom Film inmitten der vielen hundert Zuschauer ging es anschließend inīs Atlantic zum Tanz und spät am Abend tauschten wir auf der Mole so manchen Kuß. Am nächsten Abend feierten wir in der Warnemünder Poststraße mit Annelie, Margret und Sabine eine Fete, die manchen nunmehr alten Warnemündern noch heute aufstoßen muß. Sei es verziehen und toleriert, war es doch eine schöne Zeit. Bald darauf hatte uns das harte Leben auf dem Trawler oder Logger wieder und über Rügen Radio wurde ab und zu ein Funktelegramm zur Liebsten ausgetauscht.Nach 14 Tagen hatten wir im Sommer 1964 voll Schiff und dazu eine Decksladung Hering ,alles von der Doggerbank und wir liefen voller Erwartung Marienehe an.Zunächst erschien der Leuchtturm von Warnemünde und die Freude stieg mit dem Lotsen. Diese Freude erlebte ich jetzt wie in einem zurückblickendem Video. In immer währender Verbundenheit bleibst Du deshalb und immerfort "Mein liebes Warnemünde" !

Bernd Schirm


Anmerkung: Der Autor fuhr in der Großen Hochseefischerei beim Fischfang Rostock zur See. Danke für diese tolle Geschichte.
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Original-URL von Hart-Steuerbord